Mit ISO-GPS Produktionskosten senken: Parallelität mit Tangentialelement
Eine enge Toleranz ist nicht automatisch eine funktionsgerechte Toleranz. Wenn für die Funktion vor allem die Ausrichtung einer aufliegenden Ebene zählt, kann das Tangentialelement die Orientierung gezielt von der Form der realen Fläche trennen.
Unnötig restriktive Zeichnungsvorgaben können Ausschuss, Nacharbeit und aufwendige Ursachenanalysen auslösen, obwohl ein Bauteil seine Funktion erfüllt. ISO-GPS bietet Werkzeuge, mit denen sich die Spezifikation näher an der tatsächlichen Funktion formulieren lässt. Ein solches Werkzeug ist das Tangentialelement, gekennzeichnet durch das Symbol
im Toleranzindikator.
Die funktionale Anforderung: flächige Auflage parallel zu Bezug A
Im Beispiel liegt ein Bauteil mit seiner planen Unterseite auf der betrachteten Werkstückfläche. Für die Funktion ist entscheidend, dass die aufliegende Ebene parallel zur Bezugsebene A ausgerichtet ist. Lokale Vertiefungen auf der materialabgewandten Seite können für diese reine Ausrichtungsfunktion weniger kritisch sein als hervorstehende Bereiche, welche die Auflage bestimmen.
Was eine normale Flächenparallelität fordert
Ohne besonderen Modifikator gilt die Parallelitätsspezifikation für die extrahierte integrale Fläche selbst. Bei einer ebenen Fläche zu einer Bezugsebene muss diese Fläche vollständig zwischen zwei zur Bezugsebene parallelen Ebenen liegen. Deren Abstand entspricht dem Toleranzwert.
Damit wirken sowohl die Ausrichtung als auch die Formabweichungen der Fläche auf das Ergebnis. Auch eine tiefe lokale Einbuchtung kann die erforderliche Toleranzzonenweite vergrössern, obwohl sie die Auflagefunktion im konkreten Anwendungsfall möglicherweise nicht beeinträchtigt.
Bei identischer extrahierter Fläche, identischem Flächenumfang, identischer Filterung und einer vergleichbaren Minimum-Zone-Auswertung ist der ermittelte Wert der Flächenparallelität mindestens so gross wie der Ebenheitswert. Die Parallelität begrenzt also zugleich die Form und zusätzlich die Ausrichtung zur Bezugsebene. Diese Aussage gilt für die direkte Flächenparallelität ohne Tangentialelement.
steht im Feld des Toleranzwertes.Was das Tangentialelement ändert
Mit dem Symbol
gilt die Spezifikation nicht mehr für die extrahierte Fläche selbst, sondern für ein damit assoziiertes Tangentialelement. Bei einer nominell ebenen Fläche ist dieses tolerierte Geometrieelement eine ideale Tangentialebene.
ISO 1101 definiert das Tangentialelement auf Grundlage der L2-Norm, also der Methode der kleinsten Quadrate, mit der Nebenbedingung, dass es ausserhalb des Materials des nicht idealen Geometrieelements liegt. Anschliessend wird die Parallelität dieser idealen Tangentialebene gegenüber Bezug A beurteilt.
Nicht nur die Berührpunkte werden ausgewertet: Die extrahierte beziehungsweise gegebenenfalls gefilterte Punktmenge geht in die Assoziation des Tangentialelements ein. Die Material-Nebenbedingung sorgt dafür, dass das ideale Element auf der materialfreien Seite liegt. Vertiefungen müssen jedoch nicht selbst innerhalb der nachfolgenden Parallelitätstoleranzzone liegen, weil mit
die assoziierte Tangentialebene das tolerierte Geometrieelement ist.
wird die assoziierte Tangentialebene beurteilt. Ein kleinerer Parallelitätswert ist möglich, aber nicht grundsätzlich garantiert.Wo das Kostensenkungspotenzial entsteht
Das Tangentialelement vergrössert nicht einfach den Zahlenwert einer Toleranz. Es ändert, welches Geometrieelement toleriert wird. Passt dieser Spezifikationsoperator besser zur Funktion, kann die Fertigung mehr nutzbaren Spielraum erhalten.


Dadurch können sich weniger Ausschuss, weniger Nacharbeit und stabilere Fertigungsprozesse ergeben. Voraussetzung ist immer, dass die Tangentialebene die reale Funktionsschnittstelle korrekt abbildet und keine andere Funktion unbeabsichtigt freigegeben wird.
Formabweichung separat begrenzen
Mit der Parallelität des Tangentialelements wird die Form der realen Fläche nicht direkt begrenzt. Einbuchtungen dürfen deshalb nicht pauschal als irrelevant betrachtet werden: Sie können beispielsweise Traganteil, Steifigkeit, Dichtheit, Reibung oder Kontaktspannungen beeinflussen.
Häufig ist eine Kombination aus zwei Spezifikationen sinnvoll:
Die bereits erfasste Punktmenge kann grundsätzlich für beide Auswertungen wiederverwendet werden. Das setzt voraus, dass Messstrategie, Flächenumfang, Punktdichte, Filterung, Auswertealgorithmus und Messunsicherheit für beide Spezifikationen geeignet und dokumentiert sind. Ein einzelnes 2D-Profil ersetzt keine 3D-Ebenheitsauswertung. Wird nur ein definiertes Linienelement betrachtet, ist gegebenenfalls eine separate Geradheitsspezifikation mit eindeutig festgelegter Schnittebene erforderlich.
Fünf Fragen vor der Anwendung
Fazit
Das Symbol
ist in industriellen Zeichnungen noch vergleichsweise selten zu sehen. Dabei ist es überall dort prüfenswert, wo enge Richtungs- oder Ortstoleranzen eine reale Kontakt- beziehungsweise Auflagefunktion abbilden sollen. Richtig eingesetzt, verhindert das Tangentialelement eine unnötige Vermischung von Form und Ausrichtung und kann so wirtschaftlichere Toleranzen ermöglichen.
Es ist jedoch kein pauschaler Ersatz für eine Flächenparallelität. Die Anwendung muss aus der Funktion abgeleitet, mit einer geeigneten Formbegrenzung ergänzt und messtechnisch beherrscht werden.