Tastereinmessung: Sterntaster am KMG sauber einmessen — CSL Industrielle Messtechnik
Zum Inhalt springen
+41 55 511 50 85 Projekt anfragen →
Wissen · Messtechnik

Tastereinmessung: die Messung vor der Messung

Messtechnik Christian Schärer · 8. August 2026

Was man von aussen nicht sieht

Das Bild oben zeigt einen Moment, der in keinem Prüfbericht auftaucht: Ein langer Sterntaster steht an der Referenzkugel — es läuft die Einmessung des Tastersystems, nicht die Messung des Bauteils. Bei solchen Setups dauert die saubere Einmessung teilweise länger als die eigentliche Messung.

Gerade bei langen Sterntastern entscheidet diese Vorbereitung, ob das Ergebnis am Schluss belastbar ist oder nicht. Von aussen sieht man den Unterschied nicht — im Ergebnis schon.

Was beim Einmessen bestimmt wird

Eingemessen wird an einer kalibrierten Referenzkugel mit bekanntem Durchmesser und sehr kleiner Formabweichung. Für jeden Taststift bestimmt die Maschine daraus zwei Dinge: die Lage des Tastkugel-Mittelpunkts im Koordinatensystem der Maschine und den wirksamen Tastkugelradius.

Wirksam heisst: nicht der Nennwert aus dem Datenblatt. Beim Antasten biegt sich der Taststift unter der Antastkraft minimal durch — je länger der Ausleger, desto mehr. Der wirksame Radius fasst dieses Verhalten zusammen. Er lässt sich nicht rechnen, nur messen — und genau deshalb wird jede Konfiguration so eingemessen, wie sie nachher misst.

Warum lange Sterntaster den Aufwand vervielfachen

  • Jede Tastkugel einzeln. Ein Sterntaster trägt bis zu vier Taststifte — jede Kugel, die später antastet, wird einzeln an der Referenzkugel eingemessen.
  • Jede Winkelstellung einzeln. Am Dreh-Schwenk-Kopf ist jede Winkelstellung eine eigene Konfiguration. Taststifte mal Winkelstellungen — die Zahl der Einmessungen multipliziert sich.
  • Länge macht empfindlich. Je länger der Ausleger, desto stärker schlagen Schmutz auf der Kugel, eine nicht satt angezogene Verschraubung oder Temperaturdrift auf das Ergebnis durch.
  • Grenzen des Tastkopfs. Gewicht und Länge der Konfiguration müssen zum Tastkopf passen. Das wird vor der Messung geplant, nicht am Gerät improvisiert.

Steifigkeit, Dynamik und das Material der Verlängerung

Massgebend ist die Steifigkeit der ganzen Konfiguration. Die Durchbiegung wächst überproportional mit der Länge — doppelte Auskragung bedeutet ein Mehrfaches an Biegung. Deshalb gilt: so kurz und so steif wie möglich, der Schaftdurchmesser so gross, wie es das Merkmal zulässt, und so wenige Verbindungsstellen wie nötig — jede Schraubverbindung ist eine mögliche Nachgiebigkeit.

Dazu kommt die Dynamik. Beim Antasten wird die Konfiguration beschleunigt und abgebremst; je mehr Masse am Ausleger hängt, desto stärker schwingt sie nach. Antastgeschwindigkeit und Antastkraft müssen darum zur Konfiguration passen — und eingemessen wird mit genau denselben Parametern wie nachher gemessen. Nur dann bildet der wirksame Radius das dynamische Verhalten korrekt ab.

Das Material der Verlängerung entscheidet mit: Bei kurzen Konfigurationen genügen Stahl oder Titan. Bei langen Auslegern kommen Kohlefaser oder Keramik zum Einsatz — leicht und steif zugleich, was Gewichtsgrenzen des Tastkopfs und Schwingungen entschärft. Kohlefaser dehnt sich bei Temperaturschwankungen zudem kaum aus — die lange Verlängerung im Bild oben ist deshalb eine aus Kohlefaser.

Woran wir erkennen, ob die Einmessung gut ist

Die Messsoftware weist zu jeder Einmessung die Streuung der Antastpunkte aus. Sie ist das erste Qualitätskriterium: Auf einer steifen Konfiguration liegt sie typischerweise deutlich unter einem Mikrometer — bei langen Auslegern schauen wir umso genauer hin. Dazu kommt die Plausibilitätskontrolle: eine bekannte Geometrie nachmessen und prüfen, ob die eingemessenen Taststifte untereinander konsistent sind — zum Beispiel an einem Einstellring mit bekanntem Durchmesser. Beim Setup im Bild: Mit allen vier Taststiften des Sterntasters angetastet, wich der gemessene Durchmesser 0.0005 mm (0.5 µm) vom Ringmass ab.

Fällt die Streuung zu gross aus, wird nicht weitergemessen, sondern die Ursache behoben: Referenzkugel und Tastkugel reinigen, Verschraubungen prüfen, neu einmessen. Neu eingemessen wird ausserdem nach jedem Tasterwechsel, nach jeder Kollision — und wenn sich die Temperatur im Raum spürbar bewegt hat. Warum 20 °C die Referenz ist →

Was das für Ihre Bauteile bedeutet

Die Einmessung gehört zur Vorbereitung jeder taktilen Messung: Konfiguration planen, einmessen, kontrollieren — erst dann wird das Bauteil angetastet. Dieser Aufwand ist unsichtbar, steckt aber in jedem belastbaren Messwert. Und er fliesst in die aufgabenspezifische Messunsicherheit ein, die wir auf Wunsch je Merkmal ausweisen. Wie wir Messunsicherheit ermitteln →

Eigene Messung und Labormessung im Vergleich? Wenn zwei Messungen desselben Teils auseinanderliegen, lohnt der Blick auf die Tasterkonfiguration und deren Einmessung — unterschiedliche Konfigurationen und Einmessqualität erklären einen Teil solcher Differenzen. Bei wiederkehrenden Teilen bleibt bei CSL die eingemessene Konfiguration samt Messstrategie im Messprogramm hinterlegt — Wiederholmessungen starten dadurch schneller und bleiben vergleichbar.

Quellen

SN EN ISO 10360-5 — Geometrische Produktspezifikation (GPS) — Annahmeprüfung und Bestätigungsprüfung für Koordinatenmesssysteme (KMS) — Teil 5: Koordinatenmessgeräte unter Verwendung von berührenden Messsystemen mit einzelnem und multiplem Taststift
Weiterlesen
Messtechnik Wie gut misst unser Koordinatenmessgerät? Messunsicherheit nach ISO 15530-3 Beitrag lesen → Qualitätssicherung Referenztemperatur 20 °C: Warum jedes Zeichnungsmass eine Temperatur hat Beitrag lesen →
Christian Schärer
Inhaber und Geschäftsleiter · Normenausschuss Swissmem NK1
Veröffentlicht 8. August 2026