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ISO/FDIS 2768: Warum die undatierte Anwendung für bestehende Zeichnungen kritisch ist

Die neue ISO 2768 ändert vor allem den Anwendungsbereich; die Toleranzwerte bleiben weitgehend gleich. Für bestehende Zeichnungen mit undatiertem Verweis entsteht damit ein Interpretationsrisiko.

ISO-GPS Christian Schärer · 26. Mai 2026

Ich durfte am Appeal der SNV zur ISO/FDIS 2768 mitarbeiten. Danke an alle Beteiligten und an die SNV für die konstruktive Zusammenarbeit und das grosse Engagement in diesem Thema.

Durch meine Mitarbeit im Swissmem NK 1 bin ich nahe an den ISO-GPS-Themen dran. Gleichzeitig erlebe ich in der Praxis täglich, welche Auswirkungen solche Änderungen für Industrieunternehmen haben können.

Kritisch ist, dass die angedachte ISO 2768:2026 (derzeit ISO/FDIS 2768) unter derselben Normnummer als Nachfolgerin der bisherigen ISO 2768 eingeführt werden soll. Bei bestehenden Zeichnungen mit der Angabe «ISO 2768-m» erschwert genau das die eindeutige Interpretation.

Ausgangslage

Industriezeichnung mit undatiertem Verweis auf Allgemeintoleranz ISO 2768-m
Eine typische bestehende Industriezeichnung mit undatiertem Verweis auf «Allgemeintoleranz gemäss ISO 2768-m». Genau solche Zeichnungen gibt es in sehr grosser Anzahl.

In der Industrie existieren unzählige Zeichnungen, auf denen lediglich «ISO 2768-m» steht. Ohne Ausgabedatum, ohne klare Einschränkung und ohne zusätzliche Spezifikation.

Das ist kein Versäumnis der Konstrukteure. ISO 2768-1:1989 sah in ihrem Abschnitt zu den Zeichnungsangaben genau diese Schreibweise vor: Normnummer plus Toleranzklasse, zum Beispiel «ISO 2768-m». Eine Jahreszahl war nicht verlangt. Die Norm selbst legte diese Form der Zeichnungsangabe fest.

Der undatierte Eintrag auf einer Zeichnung aus den 1990er-Jahren ist also in den meisten Fällen keine bewusste Entscheidung für einen dynamischen Verweis auf alle künftigen Ausgaben. Er ist die damals normgerechte Schreibweise. Genau deshalb gibt es heute eine sehr grosse Anzahl von Bestandszeichnungen mit dieser Angabe.

In der bisherigen Praxis wurden solche Angaben sehr breit verstanden. Allgemeintoleranzen nach ISO 2768 wurden auf viele Masse angewendet, die in der Zeichnung nicht einzeln toleriert waren.

Das war nicht immer perfekt im Sinne der heutigen ISO-GPS-Systematik, aber es war in der industriellen Praxis etabliert, verstanden und über Jahrzehnte angewendet.

Bisherige Praxis

Zeichnung mit blau markierten Massen, die bisher als allgemein toleriert galten
Die blau markierten Toleranzen zeigen, welche Masse bei einer undatierten Angabe «ISO 2768-m» in der Industrie typischerweise als allgemein toleriert verstanden wurden.

Mit der ISO 2768:2026 ändert sich nicht primär der Zahlenwert der Toleranzen. Das ist wichtig zu verstehen. Was sich ändert, ist der Anwendungsbereich.

Die ISO 2768:2026 gilt nur noch für lineare und Winkelgrössenmasse im Sinne der ISO-GPS-Systematik. So ist der Anwendungsbereich im Entwurf abgegrenzt. Viele Angaben, die bisher in der Praxis über ISO 2768 mitverstanden wurden, wären damit nicht mehr automatisch abgedeckt. Das betrifft zum Beispiel:

Entscheidend ist dabei weniger, ob einzelne Tabellenwerte gleich bleiben. Entscheidend ist, dass bestimmte Inhalte und Anwendungsfälle gegenüber ISO 2768-1:1989 wegfallen oder anders behandelt werden. Wer eine Bestandszeichnung nach der neuen Ausgabe liest, findet für einen Teil der bisher allgemein tolerierten Masse keine Allgemeintoleranz mehr.

Für neue Zeichnungen kann man das sauber lösen. Man kann ISO-GPS korrekt anwenden, Spezifikationen eindeutig setzen und die passenden Normen gezielt referenzieren. Bei bestehenden Zeichnungen ist das eine ganz andere Situation.

Datiert oder undatiert: was die Normenwelt dazu sagt

Die ISO/IEC Directives, Part 2 unterscheiden zwischen datierten und undatierten normativen Verweisen. Undatierte Verweise sind dort dynamisch zu verstehen: Änderungen und Revisionen des referenzierten Dokuments gelten als eingeschlossen. So regeln es die Directives für normative Verweise in ISO- und IEC-Dokumenten.

Diese Regel ist wichtig, und sie erklärt, weshalb eine undatierte Angabe überhaupt zur Frage wird. Sie ist aber differenziert zu lesen. Die Directives sind in erster Linie Regeln für die Erstellung und Struktur von ISO- und IEC-Dokumenten. Sie regeln, wie eine Norm auf eine andere Norm verweist. Ob und wie diese Lesart auf einen Eintrag im Schriftfeld einer historischen technischen Zeichnung zu übertragen ist, folgt daraus nicht ohne weitere Begründung.

Dazu kommt ISO 8015. Sie enthält für ISO-GPS-Spezifikationen die Grundregeln der Interpretation und die Default-Spezifikationsoperatoren. Welche Normen zum Zeitpunkt der Zeichnungserstellung galten, spielt bei der Auslegung einer Spezifikation ebenfalls eine Rolle. Daraus folgt nicht automatisch, dass eine alte Angabe «ISO 2768-m» zwingend nach ISO 2768-1:1989 auszulegen ist. Es zeigt aber, dass hier mehrere normative Mechanismen aufeinandertreffen.

Ein weiterer Punkt ist der Kontext. ISO 2768-1:1989 war bei ihrer Veröffentlichung keine ISO-GPS-Norm im heutigen formalen Sinn. Sie entstand in einem älteren Normungsumfeld. Die ISO 2768:2026 wird dagegen ausdrücklich als ISO-GPS-Norm geführt. Zwei Dokumente mit derselben Nummer stehen damit in zwei verschiedenen Normensystemen.

Das Ergebnis für die Praxis: Bei einer Bestandszeichnung mit «ISO 2768-m» können Kunde, Lieferant, Konstrukteur und Messtechniker zu unterschiedlichen, jeweils vertretbaren Auslegungen kommen. Die eine Seite liest den Eintrag dynamisch nach der aktuellen Ausgabe, die andere nach dem Normenstand bei der Erstellung. Eine technische Zeichnung sollte aber eindeutig interpretierbar sein. Sobald das nicht mehr gegeben ist, liegt ein relevantes Spezifikationsrisiko vor.

Mögliche Auswirkung

Zeichnung mit rot durchgestrichenen Toleranzen: bei undatierter Anwendung nicht mehr über ISO 2768-m abgedeckt
Mögliche Auswirkung der ISO 2768:2026 bei undatierter Anwendung: Je nach Lesart wären viele bisher allgemein tolerierte Angaben nicht mehr über ISO 2768-m abgedeckt. Genau darin liegt das Risiko für bestehende Zeichnungen.

Wenn eine bestehende Zeichnung nur undatiert auf ISO 2768 verweist, entsteht mit einer inhaltlich und systematisch stark veränderten Neuausgabe unter derselben Nummer ein erhebliches Interpretations- und Spezifikationsrisiko. Was gestern in der Lieferkette als toleriert verstanden wurde, kann morgen je nach Lesart als nicht mehr spezifiziert gelten.

Zu erwarten sind vor allem mehr Rückfragen, mehr interne Abklärungen und mehr Diskussionen zwischen Entwicklung, Einkauf, Lieferant, Fertigung und Qualitätssicherung. Und am Ende zu Kosten, die keinen direkten Kundennutzen erzeugen.

Gerade in der Schweizer Industrie ist bereits heute eine grosse Unsicherheit in der Anwendung von ISO-GPS spürbar. Viele Unternehmen sind mitten in der Transformation von alten Zeichnungslogiken hin zu einer sauberen ISO-GPS-Anwendung. Eine ISO 2768:2026 als direkter Nachfolger der bisherigen ISO 2768 würde diese Unsicherheit meiner Meinung nach deutlich vergrössern.

Fertigungsverfahren: eine Tabelle für alle?

Ein Punkt, der in der Diskussion oft zu kurz kommt: Ein spanend bearbeitetes Präzisionsteil, eine Blechkonstruktion, ein Schweissbauteil und ein Kunststoffteil haben nicht automatisch dieselben wirtschaftlich und technisch sinnvollen Allgemeintoleranzen. Was in der Zerspanung ohne Mehraufwand erreichbar ist, kann im Blech oder im Spritzguss bereits eine enge Vorgabe sein.

Aus meiner Sicht löst die ISO 2768:2026 dieses grundsätzliche Problem nicht vollständig. Das ist eine fachliche Bewertung, keine normative Tatsache. Wer Allgemeintoleranzen wirklich verfahrensgerecht setzen will, wird auch künftig auf spezifische Normen oder auf eigene, in der Spezifikation dokumentierte Festlegungen zurückgreifen müssen.

Mein Standpunkt

Die Beibehaltung derselben Normnummer bei einer inhaltlich und systematisch stark veränderten Neuausgabe erzeugt bei bestehenden Zeichnungen mit Angaben wie «ISO 2768-m» ein erhebliches Interpretations- und Spezifikationsrisiko. Das ist der Kern des Problems.

Eine neue Normnummer wäre deshalb eine mögliche saubere Lösung. Altzeichnungen mit ISO 2768-1:1989 wären damit klar von neuen Spezifikationen getrennt. Alternativ braucht es eine klare Übergangsregelung oder einen anderen Mechanismus, der bestehende Zeichnungen sicher behandelt.

Bis dahin gilt für die Praxis: Wer eine Bestandszeichnung prüfen oder vermessen lässt, sollte mit dem Auftraggeber festhalten, welche Ausgabe der ISO 2768 gemeint ist. Für neue Zeichnungen ist der datierte Verweis der einfachste Schutz.

Jetzt bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Wir haben als Schweizer Gremium nun wohl das Letzte getan, was auf diesem Weg noch möglich war.

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ISO/FDIS 2768: Warum die undatierte Anwendung für bestehende Zeichnungen kritisch ist

Die neue ISO 2768 ändert vor allem den Anwendungsbereich; die Toleranzwerte bleiben weitgehend gleich. Für bestehende Zeichnungen mit undatiertem Verweis entsteht damit ein Interpretationsrisiko.

ISO-GPS Christian Schärer · 26. Mai 2026

Ich durfte am Appeal der SNV zur ISO/FDIS 2768 mitarbeiten. Danke an alle Beteiligten und an die SNV für die konstruktive Zusammenarbeit und das grosse Engagement in diesem Thema.

Durch meine Mitarbeit im Swissmem NK 1 bin ich nahe an den ISO-GPS-Themen dran. Gleichzeitig erlebe ich in der Praxis täglich, welche Auswirkungen solche Änderungen für Industrieunternehmen haben können.

Kritisch ist, dass die angedachte ISO 2768:2026 (derzeit ISO/FDIS 2768) unter derselben Normnummer als Nachfolgerin der bisherigen ISO 2768 eingeführt werden soll. Bei bestehenden Zeichnungen mit der Angabe «ISO 2768-m» erschwert genau das die eindeutige Interpretation.

Ausgangslage

Industriezeichnung mit undatiertem Verweis auf Allgemeintoleranz ISO 2768-m
Eine typische bestehende Industriezeichnung mit undatiertem Verweis auf «Allgemeintoleranz gemäss ISO 2768-m». Genau solche Zeichnungen gibt es in sehr grosser Anzahl.

In der Industrie existieren unzählige Zeichnungen, auf denen lediglich «ISO 2768-m» steht. Ohne Ausgabedatum, ohne klare Einschränkung und ohne zusätzliche Spezifikation.

Das ist kein Versäumnis der Konstrukteure. ISO 2768-1:1989 sah in ihrem Abschnitt zu den Zeichnungsangaben genau diese Schreibweise vor: Normnummer plus Toleranzklasse, zum Beispiel «ISO 2768-m». Eine Jahreszahl war nicht verlangt. Die Norm selbst legte diese Form der Zeichnungsangabe fest.

Der undatierte Eintrag auf einer Zeichnung aus den 1990er-Jahren ist also in den meisten Fällen keine bewusste Entscheidung für einen dynamischen Verweis auf alle künftigen Ausgaben. Er ist die damals normgerechte Schreibweise. Genau deshalb gibt es heute eine sehr grosse Anzahl von Bestandszeichnungen mit dieser Angabe.

In der bisherigen Praxis wurden solche Angaben sehr breit verstanden. Allgemeintoleranzen nach ISO 2768 wurden auf viele Masse angewendet, die in der Zeichnung nicht einzeln toleriert waren.

Das war nicht immer perfekt im Sinne der heutigen ISO-GPS-Systematik, aber es war in der industriellen Praxis etabliert, verstanden und über Jahrzehnte angewendet.

Bisherige Praxis

Zeichnung mit blau markierten Massen, die bisher als allgemein toleriert galten
Die blau markierten Toleranzen zeigen, welche Masse bei einer undatierten Angabe «ISO 2768-m» in der Industrie typischerweise als allgemein toleriert verstanden wurden.

Mit der ISO 2768:2026 ändert sich nicht primär der Zahlenwert der Toleranzen. Das ist wichtig zu verstehen. Was sich ändert, ist der Anwendungsbereich.

Die ISO 2768:2026 gilt nur noch für lineare und Winkelgrössenmasse im Sinne der ISO-GPS-Systematik. So ist der Anwendungsbereich im Entwurf abgegrenzt. Viele Angaben, die bisher in der Praxis über ISO 2768 mitverstanden wurden, wären damit nicht mehr automatisch abgedeckt. Das betrifft zum Beispiel:

  • Lochabstände
  • Stufenmasse
  • Radien und Fasen
  • gebrochene Kanten
  • gewisse geometrisch relevante Angaben, die bisher oft pragmatisch über ISO 2768 behandelt wurden

Entscheidend ist dabei weniger, ob einzelne Tabellenwerte gleich bleiben. Entscheidend ist, dass bestimmte Inhalte und Anwendungsfälle gegenüber ISO 2768-1:1989 wegfallen oder anders behandelt werden. Wer eine Bestandszeichnung nach der neuen Ausgabe liest, findet für einen Teil der bisher allgemein tolerierten Masse keine Allgemeintoleranz mehr.

Für neue Zeichnungen kann man das sauber lösen. Man kann ISO-GPS korrekt anwenden, Spezifikationen eindeutig setzen und die passenden Normen gezielt referenzieren. Bei bestehenden Zeichnungen ist das eine ganz andere Situation.

Datiert oder undatiert: was die Normenwelt dazu sagt

Die ISO/IEC Directives, Part 2 unterscheiden zwischen datierten und undatierten normativen Verweisen. Undatierte Verweise sind dort dynamisch zu verstehen: Änderungen und Revisionen des referenzierten Dokuments gelten als eingeschlossen. So regeln es die Directives für normative Verweise in ISO- und IEC-Dokumenten.

Diese Regel ist wichtig, und sie erklärt, weshalb eine undatierte Angabe überhaupt zur Frage wird. Sie ist aber differenziert zu lesen. Die Directives sind in erster Linie Regeln für die Erstellung und Struktur von ISO- und IEC-Dokumenten. Sie regeln, wie eine Norm auf eine andere Norm verweist. Ob und wie diese Lesart auf einen Eintrag im Schriftfeld einer historischen technischen Zeichnung zu übertragen ist, folgt daraus nicht ohne weitere Begründung.

Dazu kommt ISO 8015. Sie enthält für ISO-GPS-Spezifikationen die Grundregeln der Interpretation und die Default-Spezifikationsoperatoren. Welche Normen zum Zeitpunkt der Zeichnungserstellung galten, spielt bei der Auslegung einer Spezifikation ebenfalls eine Rolle. Daraus folgt nicht automatisch, dass eine alte Angabe «ISO 2768-m» zwingend nach ISO 2768-1:1989 auszulegen ist. Es zeigt aber, dass hier mehrere normative Mechanismen aufeinandertreffen.

Ein weiterer Punkt ist der Kontext. ISO 2768-1:1989 war bei ihrer Veröffentlichung keine ISO-GPS-Norm im heutigen formalen Sinn. Sie entstand in einem älteren Normungsumfeld. Die ISO 2768:2026 wird dagegen ausdrücklich als ISO-GPS-Norm geführt. Zwei Dokumente mit derselben Nummer stehen damit in zwei verschiedenen Normensystemen.

Das Ergebnis für die Praxis: Bei einer Bestandszeichnung mit «ISO 2768-m» können Kunde, Lieferant, Konstrukteur und Messtechniker zu unterschiedlichen, jeweils vertretbaren Auslegungen kommen. Die eine Seite liest den Eintrag dynamisch nach der aktuellen Ausgabe, die andere nach dem Normenstand bei der Erstellung. Eine technische Zeichnung sollte aber eindeutig interpretierbar sein. Sobald das nicht mehr gegeben ist, liegt ein relevantes Spezifikationsrisiko vor.

Mögliche Auswirkung

Zeichnung mit rot durchgestrichenen Toleranzen: bei undatierter Anwendung nicht mehr über ISO 2768-m abgedeckt
Mögliche Auswirkung der ISO 2768:2026 bei undatierter Anwendung: Je nach Lesart wären viele bisher allgemein tolerierte Angaben nicht mehr über ISO 2768-m abgedeckt. Genau darin liegt das Risiko für bestehende Zeichnungen.

Wenn eine bestehende Zeichnung nur undatiert auf ISO 2768 verweist, entsteht mit einer inhaltlich und systematisch stark veränderten Neuausgabe unter derselben Nummer ein erhebliches Interpretations- und Spezifikationsrisiko. Was gestern in der Lieferkette als toleriert verstanden wurde, kann morgen je nach Lesart als nicht mehr spezifiziert gelten.

Zu erwarten sind vor allem mehr Rückfragen, mehr interne Abklärungen und mehr Diskussionen zwischen Entwicklung, Einkauf, Lieferant, Fertigung und Qualitätssicherung. Und am Ende zu Kosten, die keinen direkten Kundennutzen erzeugen.

Gerade in der Schweizer Industrie ist bereits heute eine grosse Unsicherheit in der Anwendung von ISO-GPS spürbar. Viele Unternehmen sind mitten in der Transformation von alten Zeichnungslogiken hin zu einer sauberen ISO-GPS-Anwendung. Eine ISO 2768:2026 als direkter Nachfolger der bisherigen ISO 2768 würde diese Unsicherheit meiner Meinung nach deutlich vergrössern.

Fertigungsverfahren: eine Tabelle für alle?

Ein Punkt, der in der Diskussion oft zu kurz kommt: Ein spanend bearbeitetes Präzisionsteil, eine Blechkonstruktion, ein Schweissbauteil und ein Kunststoffteil haben nicht automatisch dieselben wirtschaftlich und technisch sinnvollen Allgemeintoleranzen. Was in der Zerspanung ohne Mehraufwand erreichbar ist, kann im Blech oder im Spritzguss bereits eine enge Vorgabe sein.

Aus meiner Sicht löst die ISO 2768:2026 dieses grundsätzliche Problem nicht vollständig. Das ist eine fachliche Bewertung, keine normative Tatsache. Wer Allgemeintoleranzen wirklich verfahrensgerecht setzen will, wird auch künftig auf spezifische Normen oder auf eigene, in der Spezifikation dokumentierte Festlegungen zurückgreifen müssen.

Mein Standpunkt

Die Beibehaltung derselben Normnummer bei einer inhaltlich und systematisch stark veränderten Neuausgabe erzeugt bei bestehenden Zeichnungen mit Angaben wie «ISO 2768-m» ein erhebliches Interpretations- und Spezifikationsrisiko. Das ist der Kern des Problems.

Eine neue Normnummer wäre deshalb eine mögliche saubere Lösung. Altzeichnungen mit ISO 2768-1:1989 wären damit klar von neuen Spezifikationen getrennt. Alternativ braucht es eine klare Übergangsregelung oder einen anderen Mechanismus, der bestehende Zeichnungen sicher behandelt.

Bis dahin gilt für die Praxis: Wer eine Bestandszeichnung prüfen oder vermessen lässt, sollte mit dem Auftraggeber festhalten, welche Ausgabe der ISO 2768 gemeint ist. Für neue Zeichnungen ist der datierte Verweis der einfachste Schutz.

Jetzt bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Wir haben als Schweizer Gremium nun wohl das Letzte getan, was auf diesem Weg noch möglich war.

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Christian Schärer
Christian Schärer
Inhaber und Geschäftsleiter · Normenausschuss Swissmem NK1
Veröffentlicht 26. Mai 2026 · Zuletzt fachlich geprüft 24. September 2026