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Warum 30 Grad Kreisbogen die Unsicherheit um Faktor 79 erhöhen

Streut jeder Messpunkt um 1 µm, ergeben neun Punkte auf einem vollen Kreis eine Standardunsicherheit des Durchmessers von 0.67 µm. Dieselben neun Punkte, zusammengedrängt auf einen Bogen von 30°, ergeben 53 µm. Gleiche Maschine, gleiche Punktzahl, gleicher Taster.

Messtechnik Simon Lang · 18. August 2026

Ein Kreis ist mit drei Punkten mathematisch bestimmt. Diese Aussage stimmt und führt in der Messtechnik regelmässig in die Irre, weil sie eine Frage offen lässt: Wie empfindlich reagiert das Ergebnis, wenn jeder dieser Punkte um ein paar Zehntel Mikrometer daneben liegt? Die Antwort hängt kaum von der Punktzahl ab und fast vollständig davon, über welchen Teil des Umfangs die Punkte verteilt sind.

Auf einem vollen Kreis begrenzen die Punkte die Geometrie von allen Seiten. Wandert ein Punkt nach aussen, ziehen die gegenüberliegenden Punkte den Ausgleichskreis zurück. Auf einem kurzen Bogen fehlt diese Gegeninformation. Ein grösserer Kreis mit verschobenem Mittelpunkt beschreibt dieselben Punkte dann fast ebenso gut wie ein kleinerer mit anderem Mittelpunkt. Mittelpunkt und Radius werden voneinander abhängig, und diese Kopplung ist die eigentliche Ursache der grossen Zahlen.

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Warum 30 Grad Kreisbogen die Unsicherheit um Faktor 79 erhöhen

Streut jeder Messpunkt um 1 µm, ergeben neun Punkte auf einem vollen Kreis eine Standardunsicherheit des Durchmessers von 0.67 µm. Dieselben neun Punkte, zusammengedrängt auf einen Bogen von 30°, ergeben 53 µm. Gleiche Maschine, gleiche Punktzahl, gleicher Taster.

Messtechnik Simon Lang · 18. August 2026

Ein Kreis ist mit drei Punkten mathematisch bestimmt. Diese Aussage stimmt und führt in der Messtechnik regelmässig in die Irre, weil sie eine Frage offen lässt: Wie empfindlich reagiert das Ergebnis, wenn jeder dieser Punkte um ein paar Zehntel Mikrometer daneben liegt? Die Antwort hängt kaum von der Punktzahl ab und fast vollständig davon, über welchen Teil des Umfangs die Punkte verteilt sind.

Auf einem vollen Kreis begrenzen die Punkte die Geometrie von allen Seiten. Wandert ein Punkt nach aussen, ziehen die gegenüberliegenden Punkte den Ausgleichskreis zurück. Auf einem kurzen Bogen fehlt diese Gegeninformation. Ein grösserer Kreis mit verschobenem Mittelpunkt beschreibt dieselben Punkte dann fast ebenso gut wie ein kleinerer mit anderem Mittelpunkt. Mittelpunkt und Radius werden voneinander abhängig, und diese Kopplung ist die eigentliche Ursache der grossen Zahlen.

Kernaussage Eine hohe Punktzahl ersetzt keinen Umschlingungswinkel. Punkte verdoppeln bringt am Vollkreis den Faktor 1/√2. Den Winkel von 30° auf 360° zu öffnen bringt am Durchmesser den Faktor 79.

Selbst ausprobieren

Punktzahl und Winkel verstellen, das eigene Prüfmerkmal mit Toleranz eintragen und die MPE der eigenen Maschine einsetzen. Jeder dünne Kreis in der Grafik ist eine mögliche Auswertung derselben Messung. Der gelbe Punkt in der Kurve lässt sich direkt ziehen.

Woher die Punktabweichung kommt

Damit die Zahlen einen Bezug zur eigenen Maschine haben, braucht es einen Übergang von der Datenblattangabe zur Rechengrösse. Im Datenblatt steht die Grenzabweichung MPEE, in der Rechnung steht die Standardunsicherheit eines einzelnen Punktes up. Wir setzen up = MPEE/√2 an, gebildet aus der Grenzabweichung wie in der Messsystemanalyse üblich. Der Faktor ist eine CSL-Konvention für diese Betrachtung; gilt im Projekt ein anderer Ansatz, wird er eingesetzt. Für eine Maschine mit MPEE = 1.7 µm ergibt das up = 1.20 µm.

Diese eine Zahl skaliert alles Weitere linear. Wer die Werte in der Grafik auf eine andere Maschine übertragen will, ändert nur up, die Verhältnisse zwischen den Winkeln bleiben gleich. Wie belastbar der Ansatz für einen konkreten Prüfprozess ist, klärt eine Prüfprozesseignung mit den realen Streuungen aus Wiederholmessungen.

Die Toleranz entscheidet, nicht der Zahlenwert allein

53 µm sind allein keine Aussage. Erst die Toleranz macht daraus eine Entscheidung. Gebräuchlich ist der Vergleich der erweiterten Unsicherheit U = 2·u(D) mit der Toleranzspanne T. Solange 2U/T unter 30 Prozent bleibt, trägt die Toleranz die Messung; die 30-Prozent-Marke ist eine in der Messsystemanalyse verbreitete Konvention und keine Vorgabe aus der Zeichnung — gilt im Projekt ein anderer Grenzwert, tritt er an ihre Stelle. Erreicht das Verhältnis 100 Prozent, füllt die Unsicherheit die Spanne vollständig aus, und ein Bereich, in dem sich konforme und nicht konforme Teile sicher unterscheiden lassen, bleibt nicht übrig.

Prüfmerkmal ⌀ 20 mmu(D)U bei k = 22U/TErgebnis
±20 µm, 9 Punkte, 360°0.80 µm1.60 µm8 %trägt
±20 µm, 9 Punkte, 90°6.62 µm13.2 µm66 %wird eng
±20 µm, 9 Punkte, 30°63.4 µm127 µm634 %nicht prüfbar
±20 µm, 25 Punkte, 30°43.2 µm86.5 µm432 %nicht prüfbar

Die letzte Zeile ist die wichtigste. Die Punktzahl von 9 auf 25 zu erhöhen verbessert die Lage, holt die Prüfbarkeit aber nicht zurück. Bei ±20 µm und dieser Maschine braucht der Durchmesser rund 75° Umschlingung, bevor überhaupt ein nutzbarer Bereich entsteht. Steht in der Zeichnung eine engere Toleranz, verschiebt sich diese Grenze nach oben. Solche Fälle fallen in der Zeichnungsprüfung auf, lange bevor das Bauteil auf der Maschine steht.

Wie CSL das im Bericht handhabt
Im Messbericht wird der Konformitätsentscheid gegen die Toleranz gefällt, ohne die Messunsicherheit einzurechnen. Ist die Unsicherheit bekannt, führen wir sie am Ende des Protokolls separat auf. Ob daraus Sperrzonen abgeleitet werden, entscheidet der Kunde — die Rechnung oben zeigt, welche Grundlage er dafür hat.

Die eigenen Messunsicherheiten ermittelt CSL nach ISO 15530 mit kalibrierten Prüfkörpern. Damit steht neben dem theoretischen Wert aus dieser Grafik ein experimentell bestimmter Wert für den konkreten Prüfprozess.

Der Mittelpunkt streut richtungsabhängig

Auf dem vollen Kreis sind beide Mittelpunktkoordinaten gleichwertig. Auf dem Bogen trennt sich ihr Verhalten deutlich, und nur eine der beiden Richtungen wird kritisch.

Senkrecht zur Winkelhalbierenden Bleibt stabil Eine seitliche Verschiebung verändert die Abstände zu den beiden Bogenenden gegensinnig. Der Ausgleich merkt das sofort und korrigiert.
Entlang der Winkelhalbierenden Wird kritisch Eine Verschiebung in diese Richtung lässt sich durch eine gleichzeitige Radiusänderung teilweise kompensieren. Beide Grössen bleiben unbestimmt.

Bei 17 Punkten wächst die Standardunsicherheit dieser kritischen Komponente von 0.34 µm bei 360° auf 21.3 µm bei 30°. Dieselbe Kopplung wirkt auf den Durchmesser, weshalb beide Kurven bei kleinen Winkeln nahezu parallel steigen. Für kleine Kreisbögen an Koordinatenmessgeräten ist dieser Zusammenhang seit den Neunzigerjahren dokumentiert [1].

Rechenmodell und was es nicht enthält

Gerechnet wird der geometrische Ausgleichskreis nach Gauss, mit unabhängigen radialen Punktabweichungen und einem idealen Kreis als Werkstück. Die Grafik löst die Kovarianzmatrix der Ausgleichsrechnung direkt und liefert deshalb bei jedem Aufruf identische Werte [2]. Zur Kontrolle haben wir dasselbe Modell zusätzlich als Monte-Carlo-Simulation mit 50'000 Wiederholungen je Kombination gerechnet; die Ergebnisse stimmen überein. Wo eine Simulation in den letzten Dezimalstellen schwankt, liegt das an der endlichen Zahl der Ziehungen, nicht am Runden.

Nicht enthalten
Alle Werte enthalten ausschliesslich die Antastabweichung. Die Gestaltabweichung des Werkstücks bleibt ausgeklammert: Rundheit, Welligkeit, Ovalität, Dreieckigkeit aus der Spannung, Bearbeitungsspuren. In der Praxis ist das der entscheidende Unterschied, denn auf einem Bogen von 30° wird eine ovale Bohrung an dieser Stelle systematisch falsch verrechnet, unabhängig von der Punktzahl. Die Zahlen sind damit die untere Schranke dessen, was auf einem realen Bauteil zu erwarten ist.

Für die Praxis

Zuerst den zugänglichen Winkel vergrössern, erst danach die Punktzahl. Ein Taster mit längerem Schaft oder eine zweite Aufspannung bringt mehr als jede Verdoppelung der Punkte.
Vor dem Programmieren prüfen, welcher Winkel die Toleranz überhaupt trägt. Die Grafik oben liefert diese Grenze für das eigene Merkmal.
Punktzahl und Punktlage an die erwartete Werkstückform anpassen, nicht nur an eine Vorgabe im Messprogramm.
Reicht der Winkel nicht, das Merkmal anders erfassen: über eine Passung, eine Lehre oder ein anderes Bezugselement. Welches Verfahren dafür in Frage kommt, hängt am Bauteil und steht im Vergleich der taktilen Messung zu den optischen Verfahren.

Eine robuste Messstrategie beginnt bei der zugänglichen Kontur und der benötigten Aussage. Je kleiner der verfügbare Kreisbogen, desto empfindlicher reagieren Mittelpunkt und Durchmesser auf kleine Abweichungen der Messpunkte, und desto weniger hilft es, Punkte nachzulegen.

Quellen

[1] S. D. Phillips, B. Borchardt, W. T. Estler: The Estimation of Measurement Uncertainty of Small Circular Features Measured by CMMs, NISTIR 5698, 1995.
[2] N. Chernov, C. Lesort: Least Squares Fitting of Circles, Journal of Mathematical Imaging and Vision 23, 239–252, 2005.
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Messtechnik Messunsicherheit nach ISO 15530-3 Beitrag lesen → Messtechnik Welchen Einfluss die Tastkugel auf das Messergebnis hat Beitrag lesen →
Simon Lang
Simon Lang
Inhaber und Mitglied der Geschäftsleitung · Messungen, Prüfmerkmale, statistische Auswertungen · 15 Jahre Messtechnik
Zuletzt fachlich geprüft 18. August 2026 · veröffentlicht 18. August 2026