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Wissen · ISO-GPS
Assoziation: Wie aus einer realen Bauteiloberfläche ein idealer Bezug wird

Eine gemessene Fläche ist nie eben. Damit sie als Bezug dienen kann, zum Beispiel für eine Bohrungsposition, wird ihr eine ideale Ebene zugeordnet. Wie das geschieht, hat ISO 5459:2024 neu festgelegt: Ältere Messprogramme rechnen oft noch nach der alten Voreinstellung. Das Beispiel in diesem Beitrag ist taktil gemessen, mit einer Tastkugel am Koordinatenmessgerät.

ISO-GPS Christian Schärer · 16. September 2026 · 4 Min. Lesezeit
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Assoziation: Wie aus einer realen Bauteiloberfläche ein idealer Bezug wird

Eine gemessene Fläche ist nie eben. Damit sie als Bezug dienen kann, zum Beispiel für eine Bohrungsposition, wird ihr eine ideale Ebene zugeordnet. Wie das geschieht, hat ISO 5459:2024 neu festgelegt: Ältere Messprogramme rechnen oft noch nach der alten Voreinstellung. Das Beispiel in diesem Beitrag ist taktil gemessen, mit einer Tastkugel am Koordinatenmessgerät.

ISO-GPS Christian Schärer · 16. September 2026 · 4 Min. Lesezeit

Infografik zum Selbstausprobieren

Links können Sie zwischen der aktuellen Norm ISO 5459:2024 und der alten, zurückgezogenen Ausgabe von 2011 umschalten. Rechts legen Sie die Assoziationskriterien fest. Zum Einstieg: Den Ablauf mit dem Profil «Grat» laufen lassen und in Schritt 4 zwischen [GE] und [CE] wechseln.

Geltungsbereich: Das in der Infografik vorkommende Filter [EM] und die Assoziationsmethode [GE] sind die Voreinstellung von ISO 5459:2024 für einen Einzelbezug aus einer Ebene (Anhang A, Tabelle A.2, und Anhang J). Für Grössenmasselemente wie Zylinder oder Kugel, für Kegel und Keile sowie für gemeinsame Bezüge aus mehreren Flächen legt die Norm andere Kriterien fest, meist Minimax mit fester intrinsischer Grösse.
Vertiefung: Das Filter [EM] an den Rändern, Neigung höchstens 4·δ/D

An den Rändern der erfassten Linie fehlen oft markante Spitzen zum Anlegen der Geraden. Die konvexe Hülle fällt dort stark ab und verfälscht die Auswertung. Deshalb wird der Winkel der angelegten Geraden begrenzt.

Grundlage sind die Gauss-Gerade der erfassten Linie, die Spannweite δ der Abweichungen zu ihr und die Grösse D des Elements. D ist der grösste Abstand zweier Punkte der projizierten Fläche, im Schnitt also die Länge der Linie, bei einer rechteckigen Ebene die Diagonale. Eine angelegte Gerade darf gegenüber der Gauss-Geraden um höchstens 4·δ/D rad geneigt sein. Nur bei ungewöhnlich grossen Formabweichungen auf kleiner Fläche, wenn 4·δ/D über 0.1 rad liegt, begrenzt die Norm den Winkel fest auf 0.1 rad (5.73°).

Drei erfundene Beispiele: Die ersten beiden zeigen eine übliche Fläche, das dritte eine kleine Fläche, bei der die Deckelung auf 0.1 rad greift.

Beispiel 1
Die Kante fällt zu stark ab
Werteδ = 50 µm, D = 100 mm4·δ/D0.002 radAbfall am Rand20 µm auf 5 mmNeigung0.004 radErgebnisFilter korrigiert

Die Gerade wird auf 0.002 rad begrenzt, also auf 10 µm Abfall auf 5 mm. Die gefilterte Linie liegt am Rand 10 µm über der erfassten.

Beispiel 2
Die Kante fällt leicht ab
Werteδ = 50 µm, D = 100 mm4·δ/D0.002 radAbfall am Rand6 µm auf 5 mmNeigung0.0012 radErgebniskeine Korrektur

Die Neigung bleibt unter der Grenze. Die Hülle folgt der Kante unverändert, die gefilterte Linie liegt am Rand auf der erfassten.

Beispiel 3
Kleine Fläche, grosse Formabweichung
Werteδ = 80 µm, D = 2 mm4·δ/D0.16 rad, gedeckelt auf 0.1 radAbfall am Rand30 µm auf 0.2 mmNeigung0.15 radErgebnisFilter korrigiert

Die Gerade wird auf 0.1 rad begrenzt, also auf 20 µm Abfall auf 0.2 mm. Die gefilterte Linie liegt am Rand 10 µm über der erfassten. Solche Flächen taugen kaum als Bezug; die Norm rät von diesem Fall ab.

Vom Hautmodell zur idealen Ebene

Das Hautmodell ist die reale (also nicht-ideale) Oberfläche des Bauteils, so wie das Messgerät sie erfasst: mit Welligkeit, Rauheit und Formabweichung. Ein Bezug auf diese Fläche muss aber ideal sein, sonst lässt sich weder ein Koordinatensystem darauf aufbauen noch eine Toleranzzone dazu ausrichten.

Ein Schnitt durch das Hautmodell ergibt eine Linie, die in der Grafik stellvertretend für die Bauteiloberfläche steht. Ihr ordnen wir, stellvertretend für eine ideale Ebene, eine Gerade zu.

Bevor die ideale Linie zugeordnet werden kann, sind zwei Schritte nötig. Die Tastkugel erfasst die Oberfläche und bleibt dabei auf den Kuppen, enge Riefen erreicht sie nicht: ein mechanisches, morphologisches Filter. Danach folgt das in der Norm festgelegte Filter, für unser Beispiel [EM]. Erst am gefilterten Geometrieelement wird die Assoziation vorgenommen. Für die Assoziation müssen immer eine Zielfunktion und eine Nebenbedingung festgelegt sein.

Zielfunktion

G, Gauss: Die Summe der quadrierten Abstände aller Punkte ist minimal. Jeder Punkt zählt gleich, die Ausrichtung der Linie ist robust gegen einzelne Ausreisser.

C, Minimax (Tschebyscheff): Die grösste Abweichung ist minimal. Die Ausrichtung der Linie wird daher von Extrempunkten bestimmt.

Nebenbedingung

Keine (M): Die Linie darf das Profil schneiden, Punkte liegen auf beiden Seiten.

E, ausserhalb des Materials: Die Linie berührt die Oberfläche von aussen, wie eine Anlage.

I, innerhalb des Materials: Die Linie liegt ganz im Werkstoff und berührt die tiefsten Punkte.

Aus Zielfunktion und Nebenbedingung entstehen die Kürzel G, GE, GI, C, CE und CI. Hinzu kommt bei der Assoziation ohne Nebenbedingung die Möglichkeit, die Linie parallel zu verschieben (Materialversatz nach ISO 5459:2024, Tabelle 14): G+ verschiebt die freie Gauss-Linie nach aussen, bis sie den äussersten Punkt berührt, G− nach innen. GE und G+ sehen sich ähnlich, liefern aber verschiedene Ergebnisse, worauf die Norm ausdrücklich hinweist. Ob eine Zeichnung eine dieser Angaben braucht oder ob die Voreinstellung genügt, klären wir in der Zeichnungsprüfung.

Der Bezug aus einer Ebene ohne Angabe: [EM][GE] seit 2024, davor [CE]

Steht im Bezugsabschnitt nur der Buchstabe des Bezugs, gilt die Voreinstellung der Norm. ISO 5459:2024 legt für einen ebenen Einzelbezug neu zuerst das Filter [EM] und dann als Assoziationskriterium [GE] fest: Unter allen Linien ausserhalb des Materials jene mit der kleinsten Summe der Abweichungsquadrate. Die Norm begründet den Wechsel zu [GE] mit der geringeren Empfindlichkeit gegenüber Randeffekten des Bezugselements.

ISO 5459:2011 sah für die Ebene an dieser Stelle die Minimax-Linie ausserhalb des Materials vor (CE). Sie liegt auf zwei hohen Punkten auf und verhält sich schon ohne vorgeschaltetes Filter ungefähr wie eine angelegte Ebene, erzeugt aber die beschriebenen Probleme mit Ausreissern im Randbereich.

GEVoreinstellung ISO 5459:2024, zusammen mit dem Filter [EM]. Kleinste Abweichungsquadrate unter der Bedingung, dass die Linie ausserhalb des Materials liegt. Ein oder zwei Berührpunkte. CEVoreinstellung ISO 5459:2011. Zwei Berührpunkte, entspricht dem Auflegen auf eine Platte. In älteren Messprogrammen oft noch als Standard hinterlegt. Für gemeinsame Bezüge aus mehreren Ebenen bleibt Minimax auch 2024 die Voreinstellung.

Für das Prüflabor heisst das: Bei jeder Zeichnung ist zu prüfen, welche Normausgabe gilt, welches Filter und welche Assoziation das Messprogramm tatsächlich rechnet. Bietet die Software nur «Gauss, verschoben» an, ist das [G+] und nicht [GE]. In der Messprogrammerstellung setzen wir das Kriterium ausdrücklich, statt uns auf die Voreinstellung der Software zu verlassen. Bei feinen Abweichungen unterscheiden sich die Ergebnisse kaum, bei groben können sie einen Prüfentscheid kippen. Die Grafik oben zeigt das beim Profil «Grat».

Bei der Auftragsmessung dokumentieren wir das verwendete Kriterium im Bericht, damit das Ergebnis nachvollziehbar bleibt.

So steht das Kriterium auf der Zeichnung

Das Assoziationskriterium gehört nicht an den Bezugsindikator am Bauteil. Dort steht nur der Buchstabe. Angegeben wird es im Bezugsabschnitt des Toleranzindikators, in eckigen Klammern direkt hinter dem Bezugsbuchstaben (ISO 5459:2024, Abschnitt 8). Ohne Klammer gilt die Voreinstellung [EM][GE].

Voreinstellung
PositionsspezifikationØ 0.1ABezugssymbol A

Nur «A»: Bezug aus der Ebene mit voreingestelltem Filter [EM] und voreingestellter Assoziation [GE].

Abweichende Assoziation
PositionsspezifikationØ 0.1A[GM]Bezugssymbol A

«A[GM]»: Gauss ohne Nebenbedingung des Materials.

A[CE]Minimax ausserhalb des Materials, die Voreinstellung von ISO 5459:2011. A[G+]Gauss ohne Nebenbedingung, danach als Tangente nach aussen verschoben (Materialversatz, ISO 5459:2024, Tabelle 14). A[CB1,5][GM]Erst das Filter, dann die Assoziation: hier ein Filter mit Nesting-Index 1,5 und Gauss ohne Nebenbedingung.

Soll eine Assoziationsmethode für die ganze Zeichnung festgelegt werden, wird sie im oder beim Schriftfeld als zeichnungsspezifischer Default festgehalten, beispielsweise mit «DS ISO 5459[CB1,5][GM]». Sie gilt dann für jeden Bezug, solange der Bezugsabschnitt nichts anderes sagt. Ob diese Angaben auf Ihrer Zeichnung sinnvoll, vollständig und eindeutig sind, prüfen wir in der Zeichnungsprüfung.

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Christian Schärer
Christian Schärer
Inhaber und Geschäftsleiter · Spezifikation, Zeichnungsprüfung und Prüfentscheide · Normenausschuss Swissmem NK1
Zuletzt fachlich geprüft 24. September 2026 · veröffentlicht 16. September 2026
Matthias Müller
Dozent für Produktentwicklung, Institut für Produkt- und Produktionsengineering FHNW
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