Zum Inhalt springen
CSL Industrielle Messtechnik
DE|EN
+41 55 511 50 85 Projekt anfragen →
Wissen · ISO-GPS
Reihenfolge der Bezüge: Warum A|B|C nicht A|C|B ist

Eine Platte, eine Bohrung, eine Positionstoleranz zu A, B und C. Tauscht man B und C im Toleranzrahmen, ändert sich am Bauteil nichts. Trotzdem kann die Bohrung einmal innerhalb und einmal ausserhalb der Toleranz liegen. Die Grafik zeigt, wie das Bezugssystem nach ISO 5459:2024 entsteht und weshalb die Reihenfolge den Prüfentscheid bestimmt.

ISO-GPS Christian Schärer · 17. September 2026 · 3 Min. Lesezeit
Zum Inhalt springen
DE|EN
+41 55 511 50 85 Projekt anfragen →
Wissen · ISO-GPS

Reihenfolge der Bezüge: Warum A|B|C nicht A|C|B ist

Eine Platte, eine Bohrung, eine Positionstoleranz zu A, B und C. Tauscht man B und C im Toleranzrahmen, ändert sich am Bauteil nichts. Trotzdem kann die Bohrung einmal innerhalb und einmal ausserhalb der Toleranz liegen. Die Grafik zeigt, wie das Bezugssystem nach ISO 5459:2024 entsteht und weshalb die Reihenfolge den Prüfentscheid bestimmt.

ISO-GPS Christian Schärer · 17. September 2026 · 3 Min. Lesezeit

Was die Reihenfolge festlegt

Ein Bezugssystem entsteht nicht auf einmal. ISO 5459:2024 bildet die Bezüge nacheinander, in der Reihenfolge des Toleranzrahmens (A.2.4.1). Jeder Bezug übernimmt dabei Nebenbedingungen von den Bezügen vor ihm. Vererbt wird nur die Richtung: Der primäre Bezug gibt dem sekundären und dem tertiären die Richtung vor, der sekundäre zusätzlich dem tertiären. Der Ort wird nicht vererbt. Die Norm formuliert es so: «Die Richtung der assoziierten Flächen zueinander ist theoretisch exakt, aber ihr Ort zueinander ist veränderlich» (6.3.4).

Primär: A

Die Auflageebene. Sie sperrt eine Verschiebung und zwei Drehungen. In der Draufsicht ändert sie nichts, deshalb lässt die Grafik sie weg.

Sekundär: B oder C

Die erste Seitenkante. Ihre Neigung in der Ebene ist frei, das assoziierte Element legt die Drehung um Z fest und sperrt eine Verschiebung.

Tertiär: C oder B

Die zweite Seitenkante. Richtung fest durch den implizierten Winkel 90° zum sekundären Bezug. Es bleibt nur der Ort: bis zur Berührung verschieben.

Die Toleranzzone hängt über die theoretisch exakten Masse (TED) am Bezugssystem und rührt sich nicht. Was sich bewegt, ist das Bauteil mit seiner Bohrung. Weil die beiden Kanten nie exakt rechtwinklig zueinander stehen, kippt das ganze System, sobald die andere Kante die Richtung vorgibt. Ob eine Zeichnung die Reihenfolge funktionsgerecht wählt, klären wir in der Zeichnungsprüfung.

Selbst ausprobieren

Reihenfolge umschalten, Gestaltabweichung der Kanten wählen und den Ablauf abspielen. Die Grafik zeigt in sieben Schritten, wie jeder Bezug entsteht: Filter [EM], Assoziation [GE], Einwiegen des Bauteils, dann dasselbe für den zweiten Bezug, zuletzt die Auswertung. Links laufen die Freiheitsgrade mit, unten die gerade wirksamen Nebenbedingungen.

So entsteht jeder Bezug: Filter [EM], dann Assoziation [GE]

Für einen Einzelbezug aus einer Ebene ist die Voreinstellung seit 2024 zweistufig. Zuerst das Filter [EM] aus Anhang J: Es entfernt Täler, die eine ideale Gegenfläche nie erreichen würde. Dann die Assoziation [GE] aus Tabelle A.2: die Linie mit der kleinsten Summe der Abstandsquadrate unter der Bedingung, dass sie ausserhalb des Materials liegt. Die Norm weist ausdrücklich darauf hin, dass [GE] nicht dasselbe ist wie [G+], die frei gerechnete Gauss-Linie, die anschliessend parallel nach aussen geschoben wird. Wie sich die Kriterien unterscheiden, zeigt der Beitrag Assoziation: Wie aus der realen Linie der Bezug wird.

Für den sekundären und den tertiären Bezug gilt dasselbe Kriterium, ergänzt um die Nebenbedingungen der Richtung (A.2.4.2). Beim tertiären Bezug ist die Richtung damit vollständig festgelegt. Vom Gauss-Kriterium bleibt nur noch die Verschiebung, bis das assoziierte Element das Material berührt: ein Berührpunkt statt einer Ausgleichsrechnung.

A | B | CB gibt die Richtung vor. Das Bauteil dreht, bis die gefilterte Unterkante mit kleinster Quadratsumme am Bezug anliegt. C wird rechtwinklig dazu angeschoben und berührt in einem Punkt. A | C | BC gibt die Richtung vor. Jetzt liegt die rechte Kante an, die Unterkante berührt nur noch. Das Bezugssystem steht um den Winkelfehler zwischen den Kanten verdreht, die Bohrungsachse landet an einer anderen Stelle.

Für das Prüflabor heisst das: Die Reihenfolge im Toleranzrahmen ist keine Formalie. Sie legt fest, welche Kante das Bauteil ausrichtet, und damit den Prüfentscheid. In der Messprogrammerstellung bauen wir das Bezugssystem genau in dieser Reihenfolge auf und setzen Filter und Assoziationskriterium ausdrücklich, statt uns auf die Voreinstellung der Software zu verlassen. Bei der Auftragsmessung wenden wir die Reihenfolge so an, wie sie im Toleranzrahmen steht.

Die Positionsabweichung ist der Durchmesser des kleinsten Kreises um die Sollposition, der die Bohrungsachse einschliesst, also das Doppelte des Abstands zwischen Achse und Zonenmitte. Sie wird mit dem Toleranzwert Ø0.1 verglichen.

Die Normstellen

Alle Aussagen dieses Beitrags stützen sich auf SN EN ISO 5459:2024. Wer nachlesen will, findet sie hier:

6.3.4Bezugssysteme: Bildung in festgelegter Reihenfolge, Richtung theoretisch exakt, Ort veränderlich. Primärer Bezug führt Richtungsbedingungen für sekundären und tertiären ein, sekundärer für den tertiären. A.2.4Assoziation für Bezugssysteme: Schritt für Schritt in der Reihenfolge des Systems. Default-Kriterium des Einzelbezugs, ergänzt um Richtungsbedingungen durch theoretisch exakte oder implizierte Winkel (0°, 90°, 180°, 270°). Tab. A.2Default-Assoziation für die Ebene als Einzelbezug: Gauss-Zielfunktion mit Nebenbedingung ausserhalb des Materials, also [GE]. Minimax nur für gemeinsame Bezüge. Anhang JFilter [EM] als Default-Filterung für ebene Bezugselemente. Zuerst [EM], dann [GE]: diese Kombination ist die Voreinstellung. 3.15Nebenbedingungen der Richtung (rotatorische Freiheitsgrade), des Ortes (translatorische Freiheitsgrade) und des Materials.

Die Grafik vereinfacht an einer Stelle bewusst: Sie zeigt die Draufsicht, in der Bezug A nur senkrecht zur Zeichenebene wirkt. Am realen Bauteil sperrt A zuerst drei Freiheitsgrade, danach folgen B und C wie gezeigt.

Weiterlesen
ISO-GPS Assoziation: Wie aus der realen Linie der Bezug wird Beitrag lesen → ISO-GPS ISO 5458: Was SZ, CZ und die Bezüge einer Elementgruppe sperren Beitrag lesen →
Christian Schärer
Inhaber und Geschäftsleiter · Spezifikation, Zeichnungsprüfung und Prüfentscheide · Normenausschuss Swissmem NK1
Zuletzt fachlich geprüft 17. September 2026 · veröffentlicht 17. September 2026
Matthias Müller
Dozent für Produktentwicklung, Institut für Produkt- und Produktionsengineering FHNW
Fachliche Durchsicht läuft